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Geschichte der Sammlung

Die Münzsammlung des Akademischen Kunstmuseums geht zurück auf das Jahr 1819, und zwar auf den Erwerb der römischen Münzen des Canonikus Franz Pick durch die 1818 gegründete Universität Bonn. Pick zählte damals - neben Ferdinand Franz Wallraf in Köln - zu den bedeutendsten Sammlern von Antiken im Rheinland.

F. Pick und F.F. Wallraf waren befreundet. Auch bei dem Erwerb von Münzen und Medaillen standen sie miteinander im Kontakt. Die Münzsammlung von F.F. Walllraf ging später in den Besitz der Stadt Köln über und befindet sich heute im Römisch-Germanischen Museum. Seine 3876 römischen Münzen machten den größten Teil seiner Münzsammlung von insgesamt 5958 Stück aus (G. Quarg, "Ferdinand Franz Wallraf als Münzsammler und Numismatiker", Begleitheft der Ausstellung zum 250. Geburtstag, Kreissparkasse Köln, September 1998, S. 9). Einen annähernd gleichen Umfang hatte die Sammlung von F. Pick.

Über seinen Besuch bei F. Pick schrieb J.W. v. Goethe in einem Brief an Staatsminister von Schuckmann: „Picks Sammlung ... vom Platze rücken, hieße sie zerstören, wie man umgekehrt die Wallrafische translokieren muß, um etwas daraus zu machen“. Und in seiner Schrift „Über Kunst und Altertum in den Rhein- und Maingegenden“, Stuttgart 1816 vermerkt Goethe: „Dieser heitere, geistreiche Mann hat alles und jedes, was ihm als althertümlich in die Hände kam, gewissenhaft gesammelt“, und weiter „Kupferstiche und Münzen, nach Jahren und Ländern geordnet“.

In seinen letzten Lebensjahren hatte sich F. Pick bemüht, seine Kunstsammlung als Ganzes zu verkaufen. Für den Erhalt der Sammlung hatte sich auch F.W. von Schlegel in einem Artikel im 1. Band des Jahrbuchs der Preußischen Rhein-Universität ausgesprochen. Der preußische Finanzminister wollte aber kurz nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon die geforderten 20.000 Taler nicht aufbringen, sondern bewilligte nur 400 Taler für den Erwerb der römischen Antiquitäten. Kurz vor der Versteigerung starb F. Pick am 16. Juni 1819. Als seine Sammlung am 27. August 1819 versteigert wurde, konnte die Universität Bonnmit den von der Regierung bewilligten Geldern für die neue Hochschule sämtliche römischen Münzen Picks, und zwar fünf goldene, fünfhundert silberne und gegen zweitausend kupferne für 1.500 Francs ersteigern“. Die römischen Inschriftensteine und alle anderen Antiken erwarb H. Dorow von den Erben F. Picks. Sie befinden sich heute in den Beständen des Rheinischen Landesmuseums Bonn (M. Gechter, Das römische Bonn, in M. van Rey (Hrsg.), Geschichte der Stadt Bonn, Band I, 2001, S.36). 

Für die Versteigerung wurde die Sammlung von F. Pick in dem "Verzeichnis der vorzüglichen Theile der Sammlung von Kunst-Gegenständen und Alterthümern des Herrn Canonicus Pick, Bonn 1819" erfasst. Im Einzelnen werden aufgezählt: 8 griechische Silbermünzen, "worunter ein großer Alexander"; 65 Münzen der römische Republik; 402 silberne und 534 kupferne Münzen der römischen Kaiserzeit von Augustus bis Honorius, sowie "mehr als 1.000 Stücke in kleinerem Format von Diocletianus, Valentinus, Tacitus, Constantinus etc. etc." mit dem Zusatz "eine große Seltenheit, alle in der Nähe von Bonn gefunden".

Mit dem Ausbau Bonns zur Residenzstadt im 18. Jahrhundert war man immer wieder auf Überreste aus römischer Zeit gestoßen. Besonders die Felder beim Wichelshof im Norden der Stadt, also in dem Gebiet des früheren römischen Legionslagers, waren an Kleinfunden, vor allem an Münzen sehr ergiebig. Die Münzen, die F. Pick bis zu seinem Lebensende aus Funden in der Nähe von Bonn zusammengetragen hat, stammten daher hauptsächlich „aus dem Feld am Wichelshof“. Als dort nach den napoleonischen Kriegen im Jahr 1817 die erste Bonner Plangrabung begann, wurde die Aufsicht - neben dem Sammler Dr. Creveld und dem Althistoriker Professor Minola -  auch F. Pick übertragen (M. Gechter a.a.O. S.37). 

Der Erwerb der Münzsammlung von F. Pick war der erste Ankauf, den die neu gegründete Universität getätigt hat. In diesen Jahren setzte sich auch F. G. Welcker, der erste Leiter des Akademischen Kunstmuseums, tatkräftig für die Erweiterung der Münzsammlung ein. In der Einleitung zu seinem 1827 publizierten Buch "Das akademische Kunstmuseum zu Bonn" erwähnt er auch die Münzsammlung:" Im Herbst 1819 wurde die Münzsammlung des verstorbenen Canonicus Pick erstanden, zu welcher nachher im Frühjahr 1824 eine andere, nicht minder beträchtliche in Elberfeld hinzugekauft worden ist". Zu dieser Sammlung, die in Elberfeld erworben wurde, verweist F. G. Welcher später auf einen eigens "geschriebenen Catalog" (zitiert nach W. Ehrhardt, Das akademische Kunstmuseum der Universität Bonn unter der Direktion von F.G. Welcker und Jahn, Opladen 1982, S. 158 f.). Dieser Katalog ist allerdings verloren gegangen. F.G. Welker erwähnt in diesem Zusammenhang auch eine Schenkung von 294 römischen Münzen. In seinem 1827 publizierten Buch über das Akademische Kunstmuseum berichtet F. G. Welcker schließlich, dass eine "gute Anzahl Römischer Münzen theils hier am Ort, in der Nähe des Wichelshof, nach und nach ausgegraben, theils von wohlwollenden Freunden der Anstalt geschenkt " wurden (F.G. Welcker a.a.O.). Insgesamt umfasste die Sammlung des Akademischen Kunstmuseums im Jahr 1827 bereits über 6.000 Münzen.

Diese Münzen wurden in dem Jahr 1836 in einem eindrucksvoll gestalteten Inventar erfasst, das von dem Bibliothekar D. Krosch erarbeitet wurde. Das Inventar erfasste bei den griechischen Münzen 1 in Gold, 58 in Silber und 174 in Kupfer, bei den römischen Münzen 5 in Gold, 1.221 in Silber und 3.151 in Kupfer (D. Krosch, "Übersicht der Münzsammlung" in F.G. Welcker, Das Akademische Kunstmuseum zu Bonn, Bonn 1841, Beilage III). Auf D. Krosch gehen wohl auch die "alten Inventarnummern", die sich auf den Vorderseiten vieler römischer Münzen befinden, zurück. Wie hoch der Einsatz von F.G. Welcker für das Museum  und wie hoch die Münzen der Sammlung seinerzeit geschätzt wurden, ergibt sich daraus, dass Th. Mommsen sein Werk „Geschichte des Römischen Münzwesens“, Berlin 1860, F.G. Welcker gewidmet hat.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts erhöhte sich der Bestand - wie G. Loeschcke, der Direktor des Akademischen Kunstmuseums in der Uni-Chronik 1902 schrieb - auf "nahezu 10.000 Stück". Dann trat, wie er in einem Brief an das Universitäts-Curatorium vom 15. Mai 1902 beklagte „Stillstand ein, ja, die Sammlung geriet in derartige Unordnung, dass ihre Benutzung nahezu ausgeschlossen war“. Auf seine Initiative wurde daraufhin die Sammlung der Verwaltung des Kunstmuseums unterstellt, ein Schrank zu ihrer Aufbewahrung angeschafft und durch Privatdozent Dr. M. L. Strack sachkundig geordnet. "Damit wurde" - so Loeschcke in der Uni-Chronik 1902 weiter - "der Universität ein höchst wertvolles Lehrmittel ... neu geschenkt“.

Waren im frühen 19. Jahrhundert die Münzen, die in und um Bonn gefunden wurden, dem Akademischen Kunstmuseum übergeben worden, so gingen spätere Funde an das 1820 gegründete "Rheinische Museum vaterländischer Alterthümer", dem Vorläufer des heutigen Rheinischen Landesmuseums, Bonn. In dieses Museum gingen - wie bereits dargelegt - auf Initiative von Hofrat Dr. W. Dorow die Inschriftensteine und alle anderen Antiken aus der Sammlung des Canonicus F. Pick. Nach der Abberufung von Dr. W. Dorow wurde dieses Museum von A.W. von Schlegel geleitet. Die Funde wurden im Hauptgebäude der Universität ausgestellt, bis diese Sammlung in den Jahren 1866/7 gänzlich als ein Universitätsinstitut angesehen wurde (M. Gechter, "Das römische Bonn - ein historischer Überblick", in M. van Rey (Hrsg.), Bonn von der Vorgeschichte bis zum Ende der Römerzeit, Bonn 2001, S. 35-133). Aus dieser historischen Entwicklung ist es verständlich, dass in dem bereits erwähnten Inventar der Münzsammlung von 1836 sowohl die von der der Universität erworbenen Münzen, insbesondere die aus der Sammlung F. Pick, als auch die des Museums Rheinischer Alterthümer erfasst wurden.

Unter dem Ziel, ein eigenes Provinzialmuseum zu schaffen, gründete sich im Jahr 1841 der "Verein von Alterthumsfreunden im Rheinlande" mit Sitz in Bonn, der seinerseits in und um Bonn gefundene Antiken erwarb. So ist es nicht ausgeschlossen, dass im Verlauf des 19. Jahrhunderts Münzen - insbesondere bei der Trennung von Provinzialmuseum und Universität im Jahr 1874 -  aus Sammlung des Akademischen Kunstmuseums an das neu gegründete Museum Rheinischer Alterthümer gegeben wurden. Jedenfalls wurden im Jahr 1937 mit Genehmigung sowohl des Kuratoriums als auch des Ministeriums "2.400 Münzen der römischen Kaiserzeit (Dubletten) mit dazugehörigem Verzeichnis und Kisten uninventarisierter Kupfermünzen, größtenteils der Kaiserzeit" von dem Akademischen Kunstmuseum an das Rheinische Landesmuseum Bonn abgetreten. Sie befinden sich also heute in der Sammlung des LVR-Museums Rheinland.

Schon in dem Inventar von 1836 waren - wie bereits erwähnt - 233 griechische Münzen erfasst worden. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts bestand die Münzsammlung des Akademischen Kunstmuseums aber im Wesentlichen aus römischen Münzen. Im Jahr 1922 kam allerdings durch ein testamentarisches Vermächtnis des Marburger Archivars H. Reimer eine umfangreiche Sammlung griechischer Münzen hinzu - insgesamt 342 Exemplare.

Diese Erweiterung wurde zum Anlass genommen, die Münzen, die zu dieser Zeit dem Akademischen Kunstmuseum gehörten, in einem neuen Inventar, das vermutlich um 1925 erstellt wurde, zu erfassen. Dieses Inventar baute auf den bereits erwähnten früheren Arbeiten von Dr. M. L. Strack auf. Es erfasste nun aber die griechischen Münzen, einschließlich der Provinzialprägungen und der sog. Alexandriner (insgesamt 941 Münzen), die römisch-republikanischen Münzen (292 Münzen) und die Münzen der Kaiserzeit (3.402 Münzen). In dem Inventar sind - im Gegensatz zu dem Inventar von 1836 - die byzantinischen Münzen, die Fälschungen, die neuzeitlichen Imitationen und die Paduaner gesondert erfasst. Nicht berücksichtigt sind dagegen die Elektrotypen aus der Sammlung H. Reimer, die neuzeitlichen Münzen und Medaillen sowie vor allem die umfangreiche Sammlung an Gips-, Hartwachs- und Metallabgüssen. Dieses Inventar wurde 1937 - vermutlich mit der Übergabe der erwähnten 2.400 Münzen an das Rheinische Landesmuseum - überprüft und auf den neuen Stand gebracht.

Der 1996 gegründete Förderverein des Akademischen Kunstmuseums hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten – neben der Restaurierung und Sanierung der Ausstellungsräume des Museums – auch für die Münzsammlung engagiert. Der Verein, aber auch einzelne seiner Mitglieder haben dazu beigetragen, dass die Sammlung um rd. 600 Stücke, insbesondere griechische Münzen, erweitert wurde. Bei den Anschaffungen ging es vor allem um Münzen, die von griechischen Städten oder hellenistischen Herrschern ausgegeben worden waren. Hinzu kamen kleinere Nominale aus archaischer und klassischer Zeit, die bisher in der Sammlung kaum vertreten waren. Die Originalsammlung wurde schließlich um numismatische Materialien ergänzt, die für die Lehre und die moderne numismatische Forschung von Interesse sind. Ab 2001 unterstützte der Förderverein die Inventarisierung des Sammlungsbestands. Aus dieser Initiative entwickelte sich die Idee, die Sammlung in einer Datenbank zu erfassen. Am 20. Juli 2010 wurde das digitale Münzkabinett des Akademischen Kunstmuseums eröffnet und ist seither auch für die Öffentlichkeit zugänglich.

 

Anmerkungen zu der Sammlung F. Pick

Die Sammlung des Akademischen Kunstmuseums umfasst heute 1.533 griechische und 3.469 römische Münzen, dazu 314 römische Provinzialmünzen. Nach wie vor liegt damit der Schwerpunkt der Sammlung bei den in der ersten Hälfte des 19. Jh. erworbenen römischen Münzen, vor allem der 1819 ersteigerten Sammlung von F. Pick und der 1824 gekauften Elberfelder Sammlung. Da von der Sammlung F. Pick der Versteigerungskatalog vorliegt, können dessen Angaben dem heutigen Sammlungsbestand gegenübergestellt werden:

                                                       Sammlung Pick         heutiger Bestand

Römische Republik                            65                            321

Frühe Kaiserzeit (1. Jh. n. Chr.)         252                           470

Mittlere Kaiserzeit (2. Jh. n.Chr.)       322                            844

Spätere Kaiserzeit (3. Jh. n. Chr.)      209                            859

Spätantike (4. Jh. n. Chr.)                 über 1.000                 975

Die Gegenüberstellung zeigt, dass die 1824 aus Elberfeld gekaufte Münzsammlung - wie es Welcker a.a.O.  ausgedrückte - nicht minder beträchtlich gewesen ist wie die Sammlung F. Pick. Sie hatte allerdings andere Schwerpunkte, nämlich bei den Münzen der Republik und bei den Münzen des ersten bis dritten Jahrhunderts. Die Sammlung F. Pick dagegen beinhaltete besonders viele Münzen der Spätantike, ja es kann davon ausgegangen werden, dass die vielen Bronzemünzen des 4. Jahrhunderts ausschließlich aus der Sammlung F. Pick kommen.

Jetzt, nach der digitalen Erfassung des gesamten Münzbestands, liegt es nahe, die heutige Sammlung des Akademischen Kunstmuseums mit anderen Funden aus dem Rheinland zu vergleichen. Zu diesem Vergleich können die Münzindices der in anderen römischen Städten bzw. Lagern am Rheinland herangezogen werden, wie dies soeben R. Otte in ihrer Analyse der bei den jüngsten Ausgrabungen im Bonner Legionslager gefundenen Münzen getan hat (R. Otte, Fundmünzen aus dem Bonner Legionslager, Bonner Jahrbuch 2016, 31-56).  Dabei muss man sich allerdings bewusst sein, dass diesem Münzindex nur die Stückzahl der Exemplare, nicht deren Wert - seien es Gold-, Silber- oder Bronzemünzen - zugrunde liegt. Wenn eine Stadt oder ein militärisches Lager, z.B. wegen der Germaneneinfalle, aufgegeben wurde, sind vermutlich die Gold- und Silbermünzen mitgenommen worden, so dass die zurückgelassenen, meist verlorenen Bronzemünzen nicht den gesamten Geldumlauf repräsentieren. Unter diesen Vorbehalt soll im Folgenden die Sammlung des Museums und vor allem die Sammlung F. Pick mit der anderer römischer Städte bzw. Lager im Rheinland verglichen werden:

Für die Zeit der Republik und der frühen Kaiserzeit ist z.B. ein Vergleich mit den Münzindices der Zivilsiedlungen Colonia Ulpia Traiana und Köln sowie der Legionslager Mainz, Xanten, Neuss und Bonn möglich. Bei diesem Vergleich fällt auf, dass in der Sammlung des Akademischen Kunstmuseums die Münzen der Republik überdurchschnittlich vertreten sind, während aus der augusteische Zeit nur relativ wenige Münzen vorliegen. Anders liegen die Dinge aber, wenn man aus dem Versteigerungskatalog der Sammlung F. Pick - so gut wie es nach den damaligen Angaben möglich ist - einen Münzindex gewinnt und diesen mit den Münzindices der genannten rheinischen Städte und Militärlager vergleicht. Denn die Münzen der Republik sind auch in der Sammlung F. Pick vergleichsweise gering vertreten, während ihre Zahl in die Zeit des Augustus ansteigt.

Die Zahl Münzen aus der Zeit von Vespasian bis zu der der Severer ist in der Sammlung des Akademischen Kunstmuseums vergleichsweise hoch. Dies gilt weniger ausgeprägt für die Sammlung F. Pick, die nur in der Zeit des Antoninus Pius einen Höhepunkt erreicht. Insgesamt liegt aber die Annahme nahe, dass sowohl F. Pick als auch diejenigen, die die Elberfelder Sammlung zusammengetragen haben, sich besonders für die namhaften Vertreter der Kaiserzeit, die sog. guten Kaiser, interessiert haben. Nach dem Aussehen der Münzen handelt es sich zwar durchwegs um Fundmünzen, die vermutlich auch aus Bonn oder jedenfalls dem Rheinland stammen, aber sie wurden bei dem Ankauf von Fundmünzen bevorzugt.

Anders liegen die Dinge aber bei den Münzen des 3. und vor allem des 4. Jahrhunderts. Wenn man den Münzindex der Sammlung des Akademischen Kunstmuseums mit den Indices der Stadt Köln, des Kastells Dormagen, des Kastells Krefeld-Gellen, des Kastells Deutz und des Legionslagers Bonn vergleicht, fallen sofort 3 Gemeinsamkeiten auf:

- in der Mitte des 3. Jh. n. Chr., also während des Römisch-Gallischen Teilreichs, gibt es einen gemeinsamen Schwerpunkt und zwar sowohl bei den damals ausgegebenen offiziellen römischen Münzen als auch ihren lokalen Imitationen;

- ein weiterer gemeinsamer Schwerpunkt ist in der Mitte des 4. Jh. n. Chr., also in der Zeit der Söhne Konstantins des Großen, des Usurpators Magnentius sowie der Kaiser Valentianus und Valens festzustellen;  

- allen erwähnten Fundplätzen im Rheinland ist es schließlich gemeinsam, dass das Münzaufkommen in dem weiteren Verlauf des 4. Jh. n. Chr. geringer wurde, bis es Anfang des 5. Jh. n. Chr. endete.

Angesichts dieser Gemeinsamkeiten und Unterschiede wird man sich ein abschließendes Bild über den Geldumlauf in Bonn und Umgebung erst machen können, wenn die im Rheinischen Landesmuseum befindlichen Bonner Fundmünzen katalogisiert und analysiert sind.  

Welche Erkenntnisse können aus den dargelegten Vergleichen für die Spätzeit des römischen Reichs gezogen werden?

1. Mit Recht stellt R. Otte a.a.O. den Sold der Legionäre - seine Höhe, seine Auszahlung und seine Verwendung - in den Mittelpunkt ihrer Analyse der Münzen aus den Ausgrabungen im Bonner Legionslager. Die Eroberungen, die Bürgerkriege, und die Germaneneinfälle sind für den Geldumlauf im römischen Rheinland ein entscheidender Faktor gewesen. Innerhalb des Staatshaushalts machten die Unterhaltskosten für die Legionen zwischen 50 und 75 % der Staatsausgaben aus. Der nächstgrößere Kostenfaktor war die Reichsverwaltung, auch die der Provinzen wie Gallien. Im Verlauf der Kaiserzeit wuchs die Zahl an staatlichen Beamten. Dazu kamen noch die Ausgaben für zivile Bauten, Marktplätze, Straßen und Brücken, Tempel und Kirchen, Aquädukte, Thermen und Häfen usw. (R. Wolters, Nummi Signati, München1999, 234-253).

2. Nicht über Banken wie heute, sondern über die Ausgaben des Staates wurden in römischer Zeit neue Münzen dem allgemeinen Geldumlauf zur Verfügung gestellt. Für die Kontinuität des Geldumlaufs war es aber noch wichtiger, dass sich ein Geldkreislauf entwickelte, der aus Steuern und Abgaben auf der Einnahmeseite und Kosten für Heer und Infrastruktur auf der Ausgabenseite bestand. Die Münzprägung und dieser Geldkreislauf verlagerte sich mit den Reformen unter Diokletian und Constantin dem Großen immer mehr auf die Provinzen. So sind die nach 294 n. Chr. ausgegebenen Bronzemünzen in der Sammlung des Museums (925 Exemplare) - Follis, Centenionalis, Maiorina - überwiegend in der Westprovinz geprägt worden: 358 in Trier, 75 in Lyon und 88 in Arles. Dieser Regionalisierung steht aber eine "Internationalisierung" gegenüber, da in den anderen Münzstätten des Reichs Münzen auf einheitlichem Standard, mit gleichen Nominalen und denselben Münzbildern ausgegeben wurden. Von den 925 Bronzemünzen in der Sammlung des Museums kam aus anderen Münzstätten: 37 aus Aquileia, 54 aus Rom, 85 aus Siscia, 14 ausThessaloniki, 13 aus Constantinopel, 19 aus Cysicus, 16 aus Antiochia und 7 aus Alexandria. Erstaunlich ist, dass trotz der wiederholten Auseinandersetzungen zwischen dem West- und dem Ostreich der Geldstrom aus dem Osten noch in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts anhielt: so überwiegen in der Sammlung des Museums die Bronzemünzen des Ostkaisers Valens mit 61 Exemplaren sogar die des Westkaisers Valentinian mit 43. Ende des 3. Jahrhunderts entstand also ein einheitlicher Währungsraum, der Europa, Kleinasien und Nordafrika umfasste. Er kam dem Handel und Verkehr über die Provinzgrenzen hinweg zu Gute.

3. Der einheitliche Währungsraum erleichterte aber auch die Versetzung der Truppen aus anderen Gebieten des Reichs an den Rhein, siehe Cassius und Florentius, die Stadtpatrone von Bonn. Die Truppenbewegungen brachten östliche Einflüsse auf dem Gebiet der Kultur, der Kunst und der Philosophie in den Westen, neben dem Mithras-Kult vor allem das Christentum.  Es findet seinen Ausdruck in den Bildern auf den Bronzemünzen der Sammlung des Museums. Auf den Rückseiten der Follis (664) ist zunächst häufig der Gott Sol (199) und des Genius Populi Romani (94) zu sehen, später aber auch Soldaten mit Feldzeichen (136) und Victorien (106). Die Rückseiten der um 340 n. Chr. eingeführten Centenionalis (181) zeigen vor allem den Kaiser mit Feldzeichen auf einem Kriegsschiff (84), Victorien (86) und Kränze anlässlich der Kaiserjubiläen (12) sowie siegreiche Soldaten (10).  Auf den Rückseiten der ab 348 n. Chr. ausgegebenen Maiorina (77) findet sich der siegreiche Kaiser - sei es auf dem Kriegsschiff mit Feldzeichen, sei es von Victoria bekrönt, sei es als Stadteroberer (34). Auch nach der zunehmenden Christianisierung wenden sich also die Münzbilder fast ausschließlich an das Militär, wie zusätzlich die Bilder von Soldaten mit besiegten Kriegern oder mit Gefangenen (10) zeigen. Auf den zum Tod Constantins I ausgegebenen Münzen (6) erscheint die Hand Gottes über dem in einer Quadriga in den Himmel fahrenden Kaiser. Ab der Herrschaft seiner Söhne tritt aber weniger die Hand Gottes, als vielmehr das Christogramm auf. Aber auch das Christogramm richtet sich an die Legionen, da es seit Constantin dem Großen als Zeichen des Sieges gilt. Auf den Münzen (8), die in dem Konflikt zwischen Magnentius und Constantius II um 350 n.Chr.  ausgegeben wurden, füllt das Christogramm sogar das gesamte Münzrund aus. Hinzu treten die Buchstaben "Alpha" und "Omega", also die Zeichen für Christus als Herrscher von Anbeginn bis zum Ende der Welt (W. Kellner, Libertas und Christogramm - motivgeschichtliche Untersuchungen zur Münzprägung des Kaisers Magnentius, Karlsruhe1968, 57-106). Dieses Verständnis von Christus galt sowohl nach der christlichen Orthodoxie, die damals im Westen vertreten wurde, als auch nach einer dominierenden Richtung des Arianismus, der Constantius II anhing.

4. Die Münzen der Sammlung des Museums spiegeln den Zusammenbruch des kaiserzeitlichen Währungssystems in der Mitte des 3. Jahrhunderts wider. Dabei geht es zum einen um die Reduktion des Silbergehalts in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts, verursacht u.a. durch die Erschöpfung der Silberbergwerke in Spanien. Zum anderen geht es um die lokalen Imitationen römischer Münzen, die um 260 n. Chr. einen Höhepunkt erreichen, wie dies die rd. 100 Exemplare aus der Zeit des Tetricus zeigen. Sie dokumentieren die Auflösung der traditionellen Währungsordnung mit ihrer festen Relation der drei Münzmetalle Gold, Silber und Bronze. Trotz planmäßiger Organisation und trotz strikt regulierter Münzproduktion konnte diese Entwicklung in den folgenden Jahrzehnten nicht mehr rückgängig gemacht werden. Es entwickelte sich die in Gold und Bronze gespaltene Geldversorgung der Spätantike. Die Goldmünze, der Solidus, wurde ab Constantin dem Großen der langfristige stabile Faktor der Geldwirtschaft. Die große Zahl an Bronzemünzen in der Sammlung des Akademischen Kunstmuseums ist aber ein Zeichen dafür, dass die Bronzemünzen in ihrer Relation zum Solidus zwar inflationär an Wert verloren, im Geldumlauf aber weiterhin eine bedeutende Rolle spielten.

5.  Diese monetaire Entwicklung führte zu einer in den letzten Jahrzehnten intensiv diskutierten Frage:  Ist das der Stückzahl nach rasant wachsende Bronzekleingeld der Ausdruck einer sich ausbreitenden Naturalwirtschaft oder blieb die Geldwirtschaft nicht nur bei dem Solidus, sondern auch bei dem Bronzegeld bestehen?  Kann aus dem großen Volumen des Bronzegeldes - trotz Wertverlust und Kaufpreisschwund - auf eine Monetarisierung der Wirtschaft im 4. Jahrhundert geschlossen werden? Aus der relativ geringen Zahl an stadtrömischen Münzen der frühen und mittleren Kaiserzeit in den am Rhein gelegenen Städten und Militärlagern, wie sie sich aus den Münzindices entnehmen lässt, könnte geschlossen werden, dass sich die Geldwirtschaft in der lokalen Bevölkerung im 1. und 2. Jahrhundert noch nicht durchgesetzt hat. Der hohe Umlauf an spätantiken Bronzegeld, der auch in der Sammlung des Akademischen Kunstmuseums sichtbar wird, könnte dagegen dahin interpretiert werden, dass das auf Provinzebene geprägte Kleingeld im 4. Jahrhundert von allen Bevölkerungsschichten - in Stadt und Land, und auch im täglichen Leben - gebraucht wurde (G. Mickwitz, Geld und Wirtschaft im römischen Reich des vierten Jahrhunderts n. Chr., Helsingfors 1932). Wenn dem so ist, wäre die Romanisierung Galliens auf dem Gebiet des Geldes bei dem Bronzegeld erst in der Spätantike gänzlich erreicht worden.